💌 Der Faden – Ausgabe 1
Am Anfang brennt nichts
I. Gedanke
Am Anfang brennt nichts.
Nur eine Ahnung davon, dass etwas glühen könnte,
wenn man lange genug stillhält.
Schreiben ist kein Funke, sondern ein Warten.
Manchmal zünde ich an — und sehe nur Rauch.
Manchmal schreibe ich — und merke, dass die Glut längst da war.
II. Über das Schreiben
Ich schreibe Romantic Suspense.
Zwei Worte, die sich misstrauisch beobachten,
als wüssten sie nicht, ob sie einander trauen können.
Spannung verlangt Bewegung,
Romance verlangt Nähe.
Beides zusammen bedeutet,
dass jede Berührung auch Gefahr ist.
Ich will Liebe erzählen,
ohne sie zu verniedlichen,
und Gefahr, ohne sie zu verklären.
Mich interessiert der Moment dazwischen:
wenn zwei Menschen einander erreichen könnten — und beide zögern.
Dort liegt alles, was ich suche:
Würde, Sehnsucht, Wahrheit.
In diesen Monaten wächst der erste Roman einer geplanten Reihe.
Ich schreibe frühmorgens, oft zu stiller Musik,
und manchmal lösche ich mehr, als ich neu tippe.
Ich lerne, dass Schreiben kein Vorrücken ist,
sondern ein Pendeln.
Zwischen Vertrauen und Kontrolle,
zwischen Plan und Instinkt.
Ich habe gelernt, dass nicht jede Szene bleiben will.
Manche Texte funktionieren technisch,
aber sie tragen keinen Puls.
Sie sind richtig gebaut – und trotzdem falsch im Gefühl.
Es gibt Momente, in denen ich erkenne,
dass eine Passage nur entstanden ist,
weil ich sie „fertig haben“ wollte.
Doch Worte, die sich beeilen,
kommen selten an.
Wenn ich lösche, lösche ich also nicht Arbeit,
sondern Eile.
Und fast immer kehrt ein Teil davon zurück –
klarer, ruhiger, wahrer.
III. Beobachtung
Ich glaube, Geschichten entstehen nicht in Momenten der Klarheit,
sondern in denen, die man kaum versteht.
Es gibt Sätze, die mich Wochen später verfolgen,
weil sie mehr wussten als ich beim Schreiben.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund,
warum ich immer noch an diesem Manuskript sitze:
Ich will herausfinden,
was die Worte von mir wussten,
bevor ich sie verstand.
IV. Trudi – „Die Glut unter Glas“
(Kurzgeschichte – 2500 Zeichen)
Die Nacht war so still, dass selbst die Schatten müde wirkten.
Über dem Schreibtisch hing Trudi, bewegungslos,
nur das feinste Zittern im Netz verriet,
dass sie noch wach war.
Unter ihr lagen Blätter, halb beschrieben,
mit Worten, die jemand angefangen hatte,
aber nicht zu Ende bringen konnte.Trudi sah die Glut im Glas — eine Kerze, längst erloschen,
doch der Docht glimmte noch.
Kein Licht, nur Hitze.
Sie dachte, dass Geduld wohl so aussieht:
unscheinbar, unbeachtet,
aber immer bereit, wieder Feuer zu werden.Irgendwo tief unten im Papier
bewegte sich ein Wort.
Es kroch, langsam, tastend,
wie ein Tier, das sich erinnert,
dass es einmal atmete.
Trudi spürte es durch die Fäden,
als würde ein ferner Pulsschlag den Raum teilen.Sie wartete,
bis das Wort den Rand des Blattes erreicht hatte.
Dann spannte sie den Faden neu,
millimeterweise,
und das Zittern legte sich in die Stille,
als wäre dort ein Geheimnis,
das nicht gesprochen werden durfte.Als der Morgen kam,
fiel Licht durchs Fenster — sanft,
aber unerbittlich.
Trudi sah, dass die Glut erloschen war.
Sie wusste, das musste so sein.
Nur wer loslässt,
kann neu beginnen zu weben.
V. Schluss / Echo
Wer wissen will, was wächst —
in der Geschichte,
in der Geduld,
im Staub —
findet es hier, zuerst.
🕷️
N. Zane de Geneviève
Der Faden – Briefe über Schreiben, Stille und Zwischenräume




