💌 Der Faden – Ausgabe 2
Im Umbau der Nähe
I. Gedanke
Manchmal ist Fortschritt kein Schritt nach vorne, sondern ein Stehenbleiben, das lange genug dauert, um genau hinzusehen.
In den letzten Tagen hat sich die Arbeit nicht wie Schreiben angefühlt, sondern wie Umräumen. Als müsste etwas verschoben werden, damit wieder Luft zwischen die Dinge kommt.
Fragmente liegen nebeneinander, Szenen stehen sich neu gegenüber, und nichts fühlt sich endgültig an.
Das ist kein Mangel.
Es ist der Zustand, in dem ein Text beginnt, sich selbst ernst zu nehmen.
II. Über das Schreiben
Ich habe in diesen Wochen weniger geschrieben als umgebaut.
Zeitachsen wurden neu gelegt, Linien gezogen und wieder gelöst. Figuren mussten zurücktreten, andere durften bleiben. Subplots, die sich einst selbstverständlich anfühlten, haben sich als bloße Gewohnheit entlarvt. Nicht falsch, aber nicht notwendig.
Solche Phasen sind unauffällig. Von außen sieht es nach Stillstand aus.
Von innen ist es dicht.
Ich glaube inzwischen, dass Komplexität nicht entsteht, wenn man immer mehr hinzufügt, sondern wenn man anfängt zu verstehen, was ein Text nicht braucht.
Das Schwierige daran ist nicht das Streichen, sondern das Anerkennen:
Diese Idee war gut gemeint.
Sie darf trotzdem gehen.
Inmitten dieser Umbauarbeit blieb ein Satz stehen.
Nicht als Pointe. Nicht als Lösung.
Sondern als Gewicht.
Er stolperte über Erwartungen, über sich selbst, über diesen verdammten Stolz. Manche fallen nicht aus Versehen. Manchmal wollen sie gesehen werden.
Sätze wie dieser erklären nichts. Aber sie zeigen an, dass etwas berührt wurde, das tiefer liegt als Planung.
Vielleicht ist das der Moment, in dem Schreiben unangenehm nah kommt.
Wenn man merkt, dass Figuren nicht mehr funktionieren wie Werkzeuge, sondern beginnen, zurückzublicken. Dass sie anfangen, Fragen zu stellen, die man ihnen nicht gestellt hat.
Ich habe den Antagonisten lange mit Distanz betrachtet.
Analyse, Funktion, Notwendigkeit.
Jetzt ist mir diese Distanz abhandengekommen.
Ich verstehe die Figur besser — und das ist kein Komfortgewinn. Eher das Gegenteil.
Denn Verständnis nimmt einem die einfache Ablehnung.
Und zwingt dazu, genauer zu schreiben.
III. Werkstatt / Reflexion
In der Werkstatt fühlt sich das gerade so an:
Weniger Text, aber mehr Spannung.
Weniger Bewegung, aber klarere Linien.
Die Arbeit ist komplexer geworden, nicht, weil sie größer ist, sondern weil sie mehr trägt.
Ich halte Szenen länger aus, bevor ich sie festlege.
Ich lasse Figuren stehen, ohne sie sofort zu bewerten.
Das kostet Zeit.
Aber es spart Lüge.
IV. Nähe, die man nicht wollte
Es gibt Figuren, denen möchte man nicht näherkommen.
Nicht aus literarischen Gründen, sondern aus Selbstschutz.
Solange sie auf Abstand bleiben, sind sie beherrschbar: Namen, Funktionen, Gegenspieler.
In letzter Zeit ist mir diese Distanz abhandengekommen.
Nicht, weil ich sie gesucht hätte, sondern weil sie brüchig wurde.
Je genauer ich hinsah, desto weniger ließ sich alles ordnen in richtig und falsch.
Das ist kein Trost.
Und keine Rechtfertigung.
Es ist der Moment, in dem Schreiben unbequem wird —
weil Verständnis nicht erlöst,
sondern Verantwortung erzeugt.
Ich weiß nicht, ob diese Nähe bleiben darf.
Aber ich weiß, dass der Text sie braucht.
V. Schluss / Echo
Manches ordnet sich nicht durch Tempo,
sondern durch den Mut, hinzusehen,
wenn der Text zurückblickt.
🕷️
N. Zane deGeneviève
Der Faden – Briefe über Schreiben, Stille und Zwischenräume
Der nächste Faden erscheint Mitte Dez. 2025
© 2025 N. Zane deGeneviève
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