đ Der Faden â Ausgabe 3
Zwischen Genauigkeit und Dezember
I â Einstieg â Gedanke
In den letzten zwei Wochen entsteht im Roman wenig neuer Text. Die Arbeit lĂ€uft trotzdem weiter. Ich beschĂ€ftige mich fast ausschlieĂlich mit einer einzigen Szene, ohne sie auszuformulieren. Ich bleibe im Storyboard, verschiebe AblĂ€ufe, prĂŒfe ĂbergĂ€nge und halte bewusst an. Normalerweise entstehen in dieser Zeit mehrere Szenen. Das ist diesmal nicht der Fall. Die Szene, an der ich arbeite, wirkt unscheinbar. Sie trĂ€gt keinen Höhepunkt und löst nichts auf. Gerade an solchen Stellen entscheidet sich, ob ein Text spĂ€ter trĂ€gt oder instabil wird.
Ich kĂŒrze, verwerfe, ordne neu. Varianten entstehen, die nie Text werden. Geschwindigkeit hilft an dieser Stelle nicht weiter. Die Arbeit verlangsamt sich, bleibt aber konzentriert. Eine Szene, die nicht trĂ€gt, schreibe ich nicht aus. Sie bleibt liegen, bis sie stimmig wird. Entscheidend ist, dass ich ihr spĂ€ter vertrauen kann.
II â Lesen & MaĂstab
Parallel dazu lese ich zwei aktuelle Romane, mit einem klaren Blick auf ihre Machart. Beide Texte sind erfolgreich, sauber produziert und eindeutig strukturiert. Beim Lesen fĂŒhren sie mich an Ă€hnliche Punkte. In beiden BĂŒchern wechselt die Perspektive kapitelweise. Der Rhythmus ist vorhersehbar. Nach kurzer Zeit verschiebt sich meine Aufmerksamkeit. Ich bleibe weniger bei den Situationen und beginne, den Wechsel zu erwarten. Die Struktur rĂŒckt vor die Szene.
Beide Romane erzĂ€hlen konsequent in der Vergangenheitsform. Das schafft Ăbersicht und Ordnung. Gleichzeitig entsteht Distanz. Selbst in Momenten, die NĂ€he tragen könnten, bleibt ein Abstand bestehen. Am stĂ€rksten reagiere ich auf BrĂŒche in der zeitlichen Logik. Es geht dabei nicht um groĂe Fehler, sondern um Wiederholungen, RĂŒcknahmen, kleine Verschiebungen, die sich widersprechen. Wenn ein Detail gesetzt, zurĂŒckgenommen und spĂ€ter erneut anders gesetzt wird, verliere ich das Vertrauen in den Text.
Hinzu kommt eine starke Tendenz zum ErklĂ€ren. Situationen werden kommentiert, GefĂŒhle benannt, Motive ausformuliert. Der Text sagt, was gemeint ist, statt es entstehen zu lassen. Als Leser bekomme ich stĂ€ndig Hinweise darauf, wie etwas zu verstehen ist. Das nimmt mir die Arbeit ab, nimmt aber auch Spannung und AtmosphĂ€re. Wo gezeigt werden könnte, wird erzĂ€hlt. Und genau dort verliert der Text an Kraft.
In solchen Momenten kippt mein Lesen. Die Geschichte trĂ€gt nicht mehr, die AtmosphĂ€re reiĂt ab. Ich lese nicht weiter, ich ĂŒberprĂŒfe. Ich blĂ€ttere zurĂŒck, gleiche ab, suche nach ErklĂ€rungen. Der Text verliert seine SelbstverstĂ€ndlichkeit. Dass BĂŒcher mit solchen Unsauberkeiten enorme Reichweite erzielen, ist irritierend. FĂŒr mich markiert es eine klare Grenze. An dieser Stelle endet der Lesegenuss. Und an genau dieser Stelle beginnt fĂŒr mich die Verantwortung beim Schreiben.
III â Form & Grenze
Diese Beobachtungen fĂŒhren direkt zurĂŒck zu meiner eigenen Arbeit. Auch mein Roman stöĂt an Stellen an eine formale Grenze. Die ErzĂ€hlform ist eng gefĂŒhrt und an eine durchgehende Wahrnehmung gebunden. Alles, was erzĂ€hlt wird, entsteht aus dieser NĂ€he. Gleichzeitig gibt es VorgĂ€nge, die fĂŒr den Verlauf der Geschichte relevant sind, ohne innerhalb dieser Wahrnehmung stattzufinden. Sie laufen parallel, zeitgleich, unbeobachtet. Der Text braucht dieses Wissen, um Spannung aufzubauen, kann es aber nicht einfach integrieren, ohne die bestehende Form zu beschĂ€digen.
Perspektivverschiebungen setze ich sparsam ein. Wenn sie notwendig werden, erscheinen sie als technische Einschnitte, nicht als gleichwertige ErzÀhlstimmen. Sie öffnen Informationen, ohne NÀhe zu erzeugen. Genau darin liegt die Schwierigkeit. Dieses Problem ist im Moment nicht gelöst. Die betreffende Szene existiert als Struktur und Vorbereitung. Klar ist, was dort geschieht. Ebenso klar ist, was nicht erzÀhlt werden darf. Wie sich diese Information zeigen kann, ohne den Ton der ErzÀhlform zu verlieren, bleibt Teil der laufenden Arbeit.
Gleichzeitig halte ich an Formen fest, die sich fĂŒr mich bewĂ€hrt haben. Es gibt im Roman kurze Passagen, in denen sich der Blick verschiebt, ohne die ErzĂ€hlform aufzugeben. Diese Momente arbeiten nicht mit einem Wechsel der Stimme, sondern mit einer Verschiebung der Wahrnehmungsebene. Sie stehen auĂerhalb des ĂŒblichen ErzĂ€hlflusses und kehren wieder zurĂŒck. Diese Form ist bewusst gesetzt. Sie ist selten, klar begrenzt und funktional. Sie erweitert den Blick, ohne die Stimme zu zerreiĂen. Dass mir diese Lösung gelungen ist, gibt mir Sicherheit. Sie zeigt mir, dass Perspektivarbeit möglich ist, ohne in mechanische Wechsel oder erklĂ€rende Konstruktionen zu kippen.
IV â Zeit / Verdichtung
Diese Arbeitsweise fĂŒgt sich in eine Jahreszeit, die selbst verdichtet ist. Die Tage werden kĂŒrzer, Wege kleiner, AblĂ€ufe enger. Die Vorweihnachtszeit ist stark organisiert, bringt aber dennoch eine spĂŒrbare Begrenzung mit sich. Entscheidungen drĂ€ngen sich schneller auf, Ausweichbewegungen werden schwieriger. Schon lange vor christlichen Festkalendern war diese Zeit ein Einschnitt. Arbeit richtete sich stĂ€rker nach Licht, VorrĂ€ten und NĂ€he, lief weiter, konzentrierter und enger gefĂŒhrt, mit Blick auf das, was erhalten werden musste.
Im Schreiben zeigt sich ein Ă€hnlicher Rhythmus. Der Roman wĂ€chst gerade nicht in die Breite. Er stabilisiert sich an einzelnen Stellen. Gleichzeitig liegt ĂŒber allem diese besondere Stimmung. In den StraĂen riecht es nach Lebkuchen und GlĂŒhwein. Lichter spiegeln sich in Fenstern. Kerzen brennen frĂŒher am Abend. GesprĂ€che werden ruhiger, Körper rĂŒcken nĂ€her zusammen, die Zeit drauĂen verliert an SchĂ€rfe.
Ăberall schiebt sich Weihnachten in den Vordergrund. Gedanken bĂŒndeln sich, PlĂ€ne verlangsamen sich, manches darf liegen bleiben. Auch der Text steht in diesem Licht, ohne davon ĂŒberlagert zu werden.
V â Ausklang
Ich wĂŒnsche eine ruhige Adventszeit.
Möge sie Platz lassen fĂŒr Licht, fĂŒr WĂ€rme und fĂŒr die stillen Momente, die oft mehr tragen als alles andere. Habt ein gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise eurer Liebsten.
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N. Zane deGeneviĂšve
Der Faden â Briefe ĂŒber Schreiben, Stille und ZwischenrĂ€ume
Der nÀchste Faden erscheint Ende Dez. 2025
© 2025 N. Zane deGeneviÚve
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