💌 Der Faden – Ausgabe 4
Zwischen Stimmen
I – Einstieg – Zustand
Zwischen den Jahren verändert sich mein Verhältnis zur Arbeit. Die Tage sind anders getaktet, Gespräche klingen länger nach, Gedanken bleiben liegen, bis sie von selbst wieder auftauchen. Ich schreibe diesen Faden, um diesen Zustand festzuhalten, bevor er sich wieder verflüchtigt und der Alltag die Führung übernimmt.
Wer mir hier folgt, bewegt sich durch zwei Ebenen desselben Raums. Da ist die Autorensicht: der helle Schreibtisch im Licht, die bewusste Arbeit mit Sprache, Struktur und Entscheidung. Und da ist Trudi. Die Spinne im dunklen Büro. Sie sitzt über allem, zwischen Staub, Licht und Schatten, und beobachtet. Sie greift nicht ein. Sie deutet für sich. Auf den sozialen Plattformen ist es ihre Welt, ihr Blick, ihre Zeit. Hier spreche ich als Autor. Beides gehört zusammen, ohne erklärt werden zu müssen.
II – Rückblick – Verlangsamung
Die vergangenen zwei Wochen haben das Schreiben verlangsamt. Private Anforderungen, gesundheitliche Einschnitte und die Dynamik der Weihnachtszeit haben ihren Raum eingefordert. Der Roman ist in dieser Zeit nicht stehen geblieben, aber er ist leiser geworden.
Ich habe das Tempo bewusst reduziert, um bei der Arbeit zu bleiben, die mir wichtig ist. Ein Teil der Energie ist nach außen geflossen: Begleitung des Prozesses, Einordnung, Sichtbarkeit. Der Text selbst hat weitergearbeitet, auch wenn er weniger Seiten hervorgebracht hat. Was sich angesammelt hat, sind Notizen, Gedanken, lose Verbindungen. Material, das jetzt wieder aufgegriffen werden kann.
III – Herkunft – Sprache
Wenn ich den Blick weiter öffne, erscheint mir das Schreiben heute fast folgerichtig, auch wenn es lange Zeit nicht danach aussah. Ich bin mehrsprachig aufgewachsen. Sprache war immer Teil meines Alltags. Ich habe kommuniziert, vermittelt, erklärt – oft intuitiv und mühelos.
Nur im schulischen Kontext blieb Sprache ein Ort, an dem ich nicht ankam. Dort war ich nie zuhause. Dieses Paradoxon begleitet mich seit jeher: sprachlich sicher im Leben, sprachlich unsicher im System. Vielleicht ist es genau dieser Widerspruch, der jetzt Bewegung erzeugt.
Schreiben hat mir eine Ebene geöffnet, auf der Sprache nicht bewertet wird, sondern wirkt. Nicht angepasst, sondern getragen. Ich nutze etwas Vertrautes auf eine Weise, die mir neu ist, und merke, wie selbstverständlich sich das anfühlt.
IV – Arbeit – Jetzt
Im Jetzt trägt vor allem die Welt, die entstanden ist. Der Ort der Geschichte hat Tiefe bekommen. Zusammenhänge greifen ineinander. Der Plot wächst aus der Struktur heraus. Gedanken tauchen beiläufig auf und wollen festgehalten werden.
Schreiben begleitet mich durch den Tag. Es fordert keinen Platz, es nimmt ihn sich.
Die Organisation bleibt eine Herausforderung. Familie, Ferienzeit und Alltag bestimmen den Rhythmus. Schreibzeit entsteht in frühen Morgenstunden, in ruhigen Nächten, in kurzen Fenstern dazwischen. Im Roman selbst hat sich vieles geklärt. Die lineare Arbeitsweise ist aufgebrochen. Szenen stehen einzeln, lassen sich verschieben, erweitern und verdichten. Die Timeline ist tragfähig geworden. Subplots haben ihren Platz gefunden. Entscheidungen fallen leichter. Der Text findet schneller zu seiner Form.
V – Grenze – Perspektive
Ein Arbeitskonflikt bleibt bestehen. Die Geschichte wird im Präsens erzählt, nah an der Hauptfigur. Gleichzeitig entwickeln sich andere Figuren außerhalb ihres Blickfeldes weiter, insbesondere die Antagonistin. Diese Entwicklungen sind wesentlich für die innere Logik des Romans. Sie prägen Haltung, Motivation und Spannung.
Die Frage, wie diese Ebenen erzählt werden können, ohne die Nähe zum Protagonisten zu verlieren, beschäftigt mich. Ich lasse mir dafür Zeit. Diese Stellen werden geschrieben. Der Weg dorthin darf offen bleiben.
Wer eigene Erfahrungen mit Perspektivfragen, Informationsvermittlung oder ähnlichen Konflikten hat, ist eingeladen, Gedanken im Kommentarbereich zu teilen. Als Austausch, nicht als Anleitung.
VI – Ausblick – Übergang
Der Blick nach vorn richtet sich auf 2026. Der Wunsch ist klar, der Weg nicht festgezurrt. Dieses Buch soll erscheinen, getragen von der Arbeit, die jetzt entsteht. Und vielleicht findet es Leser, die sich darin wiederfinden oder sich einfach hineinziehen lassen.
Für das kommende Jahr wünsche ich mir und meiner Familie das, was trägt, wenn vieles in Bewegung ist: Gesundheit, Wärme, Zeit füreinander. Für alle, die hier mitlesen, wünsche ich dasselbe. Ruhe, wo sie nötig ist. Neugier, wo sie weiterführt. Und genug Raum, um den eigenen Stimmen zuzuhören.
Zwischen Stimmen entsteht Arbeit.
Und manchmal wächst daraus etwas, das bleibt.
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N. Zane de Geneviève
Der Faden – Briefe über Schreiben, Stille und Zwischenräume
Der nächste Faden erscheint Mitte Januar 2026
© 2025 N. Zane de Geneviève
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