💌 Der Faden – Ausgabe 5
ORDNUNG IM OFFENEN
I – Zustand – Offene Arbeit
Es gibt Wochen, in denen Arbeit kaum sichtbar vorankommt, obwohl sie fast alles einnimmt. Bei mir waren das zuletzt viele offene Dateien: Szenen, Varianten, Dialogfetzen, Notizen, Subplots. Immer wieder dieselbe Stelle im Kopf: Der Einstieg fehlt. Die Form fehlt. Der Moment, an dem aus Material eine Szene wird.
II – Arbeit – Struktur
Ich habe mir dafür Zeit genommen. Ich habe sortiert, gestrichen, umgebaut. Tagelang ging es um Struktur. Formulierungen spielten kaum eine Rolle. Das Storyboard einer Szene, die mich richtig beansprucht hat, hat sich gewehrt. Dialogsplitter wollten an zehn Stellen gleichzeitig sitzen. Ein Nebenstrang hatte Potenzial, aber keine klare Funktion. Das war keine elegante Phase. Das war Arbeit am Rohbau: Teile herumtragen, ansetzen, feststellen, dass es nicht passt, wieder wegnehmen. Wer von außen draufschaut, sieht wenig. Wer drin steckt, merkt jeden Millimeter.
III – Übergang – Einstieg
Jetzt ist dieser Teil abgeschlossen. Das Storyboard steht. Ich kann mit der eigentlichen Szene beginnen. Das ist kein Feuerwerk, eher ein stilles „okay, jetzt“. Es ist der Moment, in dem der Druck von den Schultern rutscht, weil die nächste Bewegung klar ist. Schreiben beginnt, sobald die Struktur steht.
IV – Abgrenzung – Außen
Das Außen bleibt trotzdem laut. Nachrichten, Bilder, Schlagzeilen, der ständige Strom an „schau hin“-Momenten. Ich äußere mich öffentlich nicht dazu. Das bleibt so. Keine Politik, keine Lager, keine Parolen, keine Positionen. Diese Entscheidung treffe ich bewusst. Ich habe kein Interesse daran, mich in Diskussionen ziehen zu lassen, die alles überlagern. Wer heute ein Wort sagt, bekommt zwanzig Etiketten an die Stirn geklebt. Ich brauche diesen Zirkus nicht. Ich brauche die Freiheit, in Ruhe zu schreiben.
V – Unterbrechung – Alltag
Trotzdem sitzt das Zeug im Kopf. Man bekommt es nicht komplett raus. Es frisst Aufmerksamkeit, auch dann, wenn man es nicht füttern will. Ich merke das an mir: ich bin schneller gereizt, schneller abgelenkt, schneller im Kopfkino. Gleichzeitig gibt es diesen inneren Trotz – nicht gegen irgendwen, sondern gegen das Gefühl, dass das Außen mir den Schreibtisch wegnehmen will. Das passiert nicht. Ich schreibe weiter. Ich lasse mich unterbrechen, klar. Ich setze mich wieder hin, genauso klar.
Manchmal brauche ich für diesen Sprung zurück etwas Banales. Ich sehe dann so ein TikTok: eine Gruppe Jungs, irgendein Ohrwurm, ein sauberer Linedance, komplett sorglos, komplett unpolitisch, komplett ohne Anspruch. Dreißig Sekunden, die nichts beweisen wollen. Das ist für ein paar Minuten wie ein Reset im Kopf. Man denkt: Ach so, Menschen können auch einfach nur… existieren. Und danach geht es leichter zurück zur Datei, zu den Zetteln, zu den Baustellen. Ich halte das für eine Form von Hygiene. Kein Lebensentwurf, keine Weltanschauung. Nur ein kurzer Break, damit der Kopf wieder geradeaus kann.
VI – Nebenarbeit – Küche
Parallel dazu koche ich. Nicht als Content, nicht als Projekt für andere. Für mich. Eine Sammlung von Gerichten, Rezeptideen, Kombinationen, die man so nicht unbedingt kennt. Ich probiere Dinge aus, notiere, verwerfe, baue neu. Kochen ist direkter als Schreiben. Man setzt an, man merkt schnell, ob es funktioniert. Das erdet. Es ist ein anderes Tempo. Ein anderes Feedback. Und es schenkt mir eine Freiheit, die ich im Romanbetrieb nicht immer habe.
Nebenbei eröffnet es eine sehr praktische Abkürzung: Wenn ich in einer Szene einen Tisch decken will, kann ich ihn in Windeseile decken. Ein Menü, das passt. Eine Kleinigkeit, die nach Figur schmeckt. Ein Gericht, das Spannung hat, ohne groß aufzufallen. Das bleibt vorerst privat. Und ja, ich musste lachen, als mir „Roman-Tisch“ in den Kopf sprang. Das klingt wie ein Titel. Vielleicht ist es einer. Vielleicht bleibt es einfach ein Witz, den ich für mich behalte.
VII – Bestand – Baustellen
Im Moment habe ich viele Töpfe auf dem Herd. Das ist keine Klage. Es ist eine Bestandsaufnahme. Das Buch selbst kommt wieder voran, weil ich den Knoten an dieser einen Szene gelöst habe. Die anderen Baustellen liegen noch da, vollgestopft mit Fetzen, manchmal zu voll. Ich kenne das Muster: Sobald Ordnung entsteht, entsteht auch neue Energie. Dann will ich überall gleichzeitig anfassen. Das ist produktiv und gefährlich zugleich. Produktiv, weil Ideen kommen. Gefährlich, weil man sich im Material verlieren kann.
VIII – Regel – Weiterarbeit
Darum setze ich mir gerade eine einfache Regel: ein Einstieg nach dem anderen. Eine Szene nach der anderen. Das Storyboard ist fertig, jetzt wird geschrieben. Danach kommt die nächste Baustelle dran. Der Rest bleibt liegen. Der Kopf darf weiter Ideen liefern, aber die Hände arbeiten eine Spur ab.
Das ist „Ordnung im Offenen“ für mich: Offen bleibt genug. Offen bleibt sogar sehr viel. Gleichzeitig gibt es eine Linie, der ich heute folgen kann. Mehr brauche ich nicht.
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Der Faden – Briefe über Schreiben, Stille und Zwischenräume
Der nächste Faden erscheint Anfang Februar 2026
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