💌 Der Faden – Ausgabe 7
Zwischen Arbeit, Umwegen und Bewegung
I – Zwischenstand
Der Newsletter hätte eigentlich letzte Woche kommen sollen.
Im letzten hatte ich noch ziemlich optimistisch geschrieben, dass ich in den nächsten Tagen zwei oder drei Szenen am Roman fertig bekomme. Tja. Hat nicht funktioniert.
Also fange ich hier an.
Die letzten Wochen sind anders gelaufen, als ich dachte. Ein Teil meiner Zeit ist in eine neue Geschäftsidee gegangen, die ich sortieren musste. Es war nichts Aufregendes, eher das, was im Moment dazugehört. Ich bin noch nicht an dem Punkt, an dem das Schreiben mich trägt, und manche Dinge wollen einfach Aufmerksamkeit, ob man sie ihnen geben will oder nicht.
Diese Art von Arbeit fühlt sich komplett anders an als Schreiben. Viel Struktur, viel Nachdenken in Linien statt in Bildern. Und oft auch einfach trocken. Gerade dann merke ich, wie sehr mir das Schreiben fehlt, wenn ich nicht drin bin. Beim Schreiben fühlt sich der Weg selbst sinnvoll an. Bei allem anderen zählt meist nur, dass es erledigt ist.
II – Arbeit
Nebenher ist noch der Autorentrailer entstanden.
Der kam nicht aus einem kreativen Impuls, sondern eher aus Frust. Meine bisherigen Clips hatten zwar Reichweite, aber die Leute waren fast sofort wieder weg. Von 45 Sekunden wurden im Schnitt nicht mal zwei geschaut. Das war ziemlich eindeutig.
Also musste sich was ändern.
Ich habe den Einstieg schneller gemacht, alles dichter geschnitten und mich stärker auf Wirkung als auf Erklärung konzentriert — weil ich gemerkt habe, wie schnell Leute entscheiden, ob sie bleiben oder weiterziehen. Ob das funktioniert, sehe ich erst später. Im Moment ist es ein Versuch. Mehr rausfinden als präsentieren.
III – Romanarbeit
Am Roman selbst ist trotzdem was passiert. Nur nicht sichtbar.
Ich wollte Szenen für eine Nebenfigur schreiben, die im Buch mehr Gewicht bekommen soll. Sie trägt viel zur Stimmung bei und wirkt stärker auf eine andere Figur, als es zunächst scheint. Deshalb will ich die nicht einfach runtertippen.
Ein paar Dinge fehlen mir noch. Vor allem Ruhe.
Es fühlt sich nicht wie feststecken an. Eher wie dieser Moment, in dem man weiß, wo es hingeht, aber merkt, dass man den Weg dorthin nicht erzwingen kann. Im Moment entstehen mehr Notizen als Seiten. Ist halt so.
IV – Noch eine Idee
Und ja — eine zweite Romanidee hat auch angeklopft.
Die kam beim Nachdenken über Dialoge und Figuren. Fühlt sich komplett anders an. Rauher, körperlicher, freier. Gleichzeitig bleibt mein innerer Maßstab derselbe: Respekt, Einvernehmlichkeit, erwachsene Figuren.
Ich lasse die Idee erstmal laufen.
Nicht jeder Gedanke muss sofort ein Projekt werden, und parallel passiert gerade schon genug. Wenn sie bleibt, bleibt sie. Wenn nicht, auch gut. Mein Fokus liegt weiter auf dem aktuellen Buch.
V – Außen
Was mir in letzter Zeit stärker auffällt, ist Zeit.
Ich werde diesen Sommer fünfzig. Meine Eltern sind nicht mehr da, meine Kinder bauen sich ihre eigenen Wege. Da merkt man plötzlich, wie schnell alles geworden ist.
Beim Schreiben merke ich das besonders.
Manchmal sitze ich an einer Szene, bin voll drin, und plötzlich ist eine Stunde weg. Und diese Stunden fühlen sich anders an als verlorene Zeit im Alltag. Eher wie Zeit, die genau dort war, wo sie hingehört.
Am Projekt selbst ändert das nichts. Qualität geht vor Tempo, das war schon immer so. Aber ich merke, dass ich mich mehr als Autor fühle als noch vor ein paar Monaten. Vielleicht sicherer. Vielleicht auch kritischer. Bücher und Filme nehme ich jedenfalls nicht mehr ganz so unbeschwert auf wie früher. Zu viel Blick auf Struktur, Entscheidungen, Handwerk.
VI – Nebenbei: Rumänisch
In den letzten Wochen hat mich nebenbei noch etwas ganz anderes erwischt: Rumänisch.
Das war nicht geplant. Ich bin eher zufällig drüber gestolpert. Ein paar Wörter, ein paar Satzformen — und plötzlich war da was. Endungen wie „-tul“ oder „-lul“, Wörter wie „dor“. Die geben Sätzen eine Dichte, die ich so nicht erwartet hätte. Dazu kam ein kurzer Dialog, ganz simpel eigentlich, aber der Klang blieb hängen. Es war nicht ein einzelnes Wort. Eher so ein Gesamtgefühl, das sofort gezündet hat.
Dabei habe ich gemerkt, wie schief mein Bild von Rumänien lange war. Für mich war das eher ein Fleck auf der Karte, verbunden mit Erfahrungen aus dem Asylbereich und so einem diffusen „irgendwie slawisch“-Gefühl. Beim Hineinhören in die Sprache ist das ziemlich schnell zerfallen. Stattdessen kam etwas ganz anderes zum Vorschein: dieses alte Lateinische, das sich dort gehalten hat. Rau, eigenständig, fast wie ein Zweig, der irgendwo abseits weitergewachsen ist.
Der Moment, der mich wirklich gepackt hat, war die Verbindung zu Rumantsch.
Ich lebe lange genug in der Schweiz, um die Sprache aus Graubünden zu kennen — Kollegen, Gespräche, dieser Klang. Als ich Rumänisch hörte, war sofort etwas Vertrautes da. Erst später habe ich verstanden, warum: Beide hängen an sehr alten, eigenständigen Lateinformen. Dieses Gefühl von etwas Ursprünglichem hat mich sofort erwischt.
Inzwischen kann ich einfache Texte ziemlich flüssig lesen und verstehe einiges direkt. Das reicht völlig als Motivation, weiterzumachen.
Ich lerne es also ernsthaft, aber auf meine Weise. Nicht streng systematisch, eher organisch. Für mich ist das eine echte Bereicherung. Wenn man Sprache liebt, verändert jede neue Sprache auch den Blick auf alle anderen.
Es waren keine typischen Schreibwochen.
Aber auch keine leeren.
Manches arbeitet weiter, auch wenn man es noch nicht sieht.
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Der Faden – Briefe über Schreiben, Stille und Zwischenräume
Der nächste Faden erscheint Anfang März 2026
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