💌 Der Faden – Ausgabe 9
Leise Verschiebungen
I. Gedanke – Die Szene, die sich entzieht
Manchmal merkt man erst beim Schreiben, dass eine Szene mehr weiss als man selbst. Sie wirkt unscheinbar, fast beiläufig, und genau deshalb kommt man ihr nicht richtig bei. Ich sitze gerade an so einer Stelle. Es passiert nicht viel. Zwei Menschen treffen sich, reden ein paar Sätze, stehen einfach da. Und trotzdem bleibt etwas hängen, das sich nicht festhalten lässt.
„Das ist Olivier.“
Der Name hängt kurz zwischen uns, ohne dass jemand etwas damit macht.
Er sagt nichts dazu. Kein „freut mich“, kein Griff nach der Hand.
Und seltsamerweise fehlt mir das nicht.
Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, warum mich genau diese Art von Szene so ausbremst. Es ist nicht das, was passiert. Es ist das, was sich nicht zeigt. Dinge, die sich erst später erschliessen, wenn man schon weitergegangen ist.
Beim Schreiben ist das schwer auszuhalten. Man sieht, dass da etwas liegt, aber man kann es noch nicht greifen. Und genau in diesem Moment entsteht der Impuls, nachzuhelfen. Klarer zu werden. Deutlicher. Verständlicher.
Ich mache das immer wieder. Und jedes Mal merke ich, wie die Szene dabei an Spannung verliert. Sie wird lesbarer, aber auch vorhersehbarer. Sie erklärt sich zu früh.
Also lasse ich sie stehen. Auch wenn sie sich im Moment noch unfertig anfühlt. Ich vertraue darauf, dass sie später trägt, ohne dass ich sie dazu zwinge.
II. Zustand – Abstand zum Text
In den letzten Wochen war mein Kopf an vielen Stellen gleichzeitig. Dinge, die nichts mit der Geschichte zu tun haben, und trotzdem alles verschieben. Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr sich das auf das Schreiben auswirkt. Nicht dramatisch, nicht sichtbar von aussen, aber konstant.
Ich habe lange nicht am Text selbst gearbeitet. Ich bin nicht rangekommen.
Und das ist ein anderer Zustand als „keine Zeit haben“. Der Text ist da. Die Geschichte ist da. Aber der Zugang fehlt. Man sitzt davor und kommt nicht rein.
Seit ein paar Tagen sitze ich wieder dran. Zum ersten Mal seit einer Weile wirklich am Buch. Es ist langsam, manchmal zäh, aber es bewegt sich wieder. Und allein das verändert etwas.
Der Newsletter ist in dieser Zeit liegen geblieben. Der zweiwöchige Rhythmus ist weggerutscht, und im Moment fühlt es sich eher nach Hinterherlaufen an als nach Struktur. Ich bleibe dran. Im April wird sich das wieder sortieren.
III. Umfeld – Raum schaffen
Parallel dazu habe ich auch ausserhalb des Textes aufgeräumt.
Ich habe viele Verbindungen gekappt, die sich über die Zeit falsch angefühlt haben. Dinge, die Energie gezogen haben, ohne dass ich es lange bewusst benennen konnte. Gespräche, Beobachten, dieses leise Mitdenken von aussen.
Das ist jetzt ruhiger geworden.
Und mit dieser Ruhe kommt etwas zurück, das ich vorher nicht richtig einordnen konnte: Fokus. Nicht perfekt, nicht konstant, aber spürbar.
Mir wird gerade klar, dass Schreiben nicht nur im Text passiert. Es braucht auch ein Umfeld, das das aushält. Weniger Ablenkung. Weniger Reibung. Mehr Raum.
Ich beginne gerade, das bewusster zu bauen. Kein harter Schnitt, kein kompletter Neustart. Eher ein Verschieben. Weg von dem, was nicht trägt, hin zu dem, was bleiben darf.
IV. Verdichtung – Der Versuch, es zu greifen
In diesem Zusammenhang habe ich versucht, die Geschichte einmal als Klappentext zu schreiben. Ich wollte sehen, was übrig bleibt, wenn man alles andere weglässt.
Sie wollte nie mehr zu spät kommen.
Cecilia Moretti hat gelernt, was es bedeutet, nicht da zu sein,
wenn es darauf ankommt.
Zu spät zu kommen.
Zu spät zu verstehen.
Zu spät Abschied zu nehmen.
Seitdem trägt sie nur noch eine Richtung in sich:
Nie wieder.
Als Kees in ihr Leben tritt, ist da plötzlich etwas, das nicht geplant war:
Nähe, die nichts fordert.
Und genau deshalb bleibt.
Es funktioniert.
Weil keiner von beiden fragt, was es ist.
Bis Baeg dazu kommt. Cecilias Freundin aus früheren Zeiten, aus der Heimat.
Sie meint es gut.
Sie sieht Möglichkeiten, wo andere Grenzen sehen.
Einen Weg, der schneller geht. Sicherer. Kontrollierbarer.
Und Cecilia trifft eine Entscheidung.
Für etwas, das ihr Leben ordnet –
und gleichzeitig beginnt, es leise auseinanderzuziehen.
Was wie die beste Lösung wirkt,
stellt sich als Entscheidung heraus, die sich nicht zurücknehmen lässt.
Und irgendwann ist nicht mehr die Frage,
was richtig ist.
Sondern,
wie weit wir gehen,
bevor wir merken,
was wir längst verloren haben.
V. Echo – Was bleibt
Vielleicht beginnen die entscheidenden Dinge nicht mit einem klaren Moment. Vielleicht stehen sie einfach irgendwann im Raum, unscheinbar genug, dass man sie übersieht. Und erst später merkt man, dass genau dort etwas angefangen hat, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt.
Wenn du bis hier gelesen hast, interessiert mich etwas:
Was hält dich gerade fest?
Eine Szene, ein Gedanke, etwas Unfertiges, das sich nicht greifen lässt?
Du kannst mir direkt auf diese Mail antworten. Ich lese alles, auch wenn ich nicht immer sofort antworte.
Und wenn du einfach nur still mitliest, ist das auch in Ordnung.
✒️
N. Zane deGeneviève
Der Faden – Briefe über Schreiben, Stille und Zwischenräume
Der nächste Faden erscheint im April 2026
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I’ve been working on a scene that refuses to explain itself.
Two people meet. Nothing dramatic happens.
And still, something shifts.
Those are the hardest moments to write.
Not because they’re complex, but because they don’t reveal their weight right away.
For a while, I couldn’t even get back into the text.
Too many things pulling at once, too much noise.
Now I’m slowly finding my way back.
At the same time, I’ve started clearing space around the work.
Less distraction. Fewer outside voices.
More room for the story to exist.
I also tried to reduce everything into a blurb.
To see what remains when you strip a story down to its core.
It’s harder than writing the book itself.
Maybe the most important things in a story don’t begin with a clear moment.
Maybe they’re already there, quiet enough to miss—
until they’re not.
Would you read something like that?
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